Ein Garten -
von Alma de l'Aigle

Ein Garten

Das letzte Stückchen Garten in Hamburg Eppendorf bei wolkenverhangenem regnerischem Wetter zu besuchen war keine gute Idee. Viel ist nicht mehr zu sehen von der Vielfalt und Größe des Gartens am Rande von Eppendorf. Zur Lebenszeit von Alma de l' Aigle war Eppendorf ein Dorf im Norden von Hamburg und die Eppendorfer Landstraße führte geradewegs "in die Fremde". Ziemlich desillusioniert sitze ich auf der Bank in dem ehemals hintersten Stückchen des Obstgartens angesichts eines toten Apfelbaumes und eines sterbenden Birnbaumes.

Hier wurde Alma de l'Aigle 1889 geboren und wuchs wohlbehütet von ihren Eltern mit ihren Schwestern Claudine und Anita in einem kleinen Gartenhaus auf. Sie muss eine glückliche und zufriedene Kindheit gehabt haben. Ihre Schilderungen im dem 1948 zum ersten Mal herausgegebenen Buch "Ein Garten" sind eine Rückschau auf ihre Kindheit im Elternhaus mit einem großen Garten, mit dem und aus dem die Familie lebte.

Eigentlich sei sie ein "Augenmensch", charakterisiert Alma de l'Aigle sich selbst. Ihrem Wunsch, Malerin zu werden, entsprechen die Eltern nicht, sie raten zu einem praktischen Beruf. So wird sie Lehrerin und malt in der Freizeit.
Sie ist ein "Sinnenmensch". Ihre Beobachtungsgabe, ihre Liebe zum Detail, die Lust am Sinnlichen verbunden mit der Ehrfurcht vor allem Leben lässt den Leser direkt am Geschehen teilhaben. Man spürt die modrige Feuchtigkeit voller Kleingetier in der Gemüsegrube. Man sieht die Fülle von blühenden Narzissen unter den Obstbäumen im April und riecht förmlich den Duft der japanischen Quitte in ihrem Wäscheschrank und den der Azalee im Vorgarten: "Azalea pontica aber hatte den betäubend schweren Duft, und in der Blütezeit wogte er in schweren Wellen durch den ganzen Vordergarten".

Der Vater, ein Hamburger Jurist hugenottischer Herkunft, der jedoch die Juristerei an den Nagel gehängt und seiner Liebe zum Land und zur Natur nachgegeben und den großen Garten angelegt hatte, konnte seiner Familie keinen großen Luxus bieten: " Das Wasser kam aus der Pumpe hinterm Haus, abends brannte die Petroleumlampe, und im Winter war das Waschwasser in den Krügen mit einer Eisschicht bedeckt", beschreibt sie ihre Lebenssituation und bedauert dabei nichts: "Aber wie reich war unser Leben durch den engen Zusammenhang mit der lebendigen Welt von Pflanze und Tier."

Diese Einstellung hat sie sich auch als spätere Lehrerin im Krieg und nach dem Krieg bewahrt. Die Kinder sehen zu lehren und Achtung vor dem Leben zu geben, waren Ziele, die sie ihnen mit auf den Lebensweg geben wollte. Sie gibt Erziehungshilfen für Eltern heraus, schreibt Bücher für Kinder und Jugendliche, um ihnen in kindgerechter Sprache Natur nahe zu bringen. "Tatsächlich lassen sich Alma de l' Aigles Ansätze einer kindgemäßen, freien, individuellen Erziehung, die Menschen weder stutzt noch verwildern lässt, auf die von Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) in seinen späten philosophischen Schriften über die Gesellschaft und die Erziehung formulierten Forderungen zurückführen", schreibt Dr. Martina Nath-Esser in ihrem Nachwort zum Buch.

Alma de l'Aigle stirbt im März 1959 in Hamburg und ist auch dort begraben.

Doch nun zum Garten selbst:

Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein lang gestrecktes Grundstück, auf dem sich vor dem Haus der Vordergarten befindet. Die Kanten der gepflegten Rasenfläche wurden regelmäßig und sorgfältig abgestochen. Löwenzahn hatte hier keine Chance. Dieser Garten mit den stets fein geharkten geschlungenen Wegen lag in der Obhut der Mutter. Rosen mit familieneigenen Namen wie die "schwarze Rose" oder die "Friedhofsrose" befanden sich hier sowie das o. g. wohl duftende Azaleenbeet. Wichtigstes Stück des Vordergartens war die große Hainbuchenlaube, die Besuchs- und Kaffeelaube für familiäre Festlichkeiten, von der heute nichts mehr zu sehen ist.

Zu Zeiten Alma de l`Aigles befanden sich hinter dem Haus die Pumpe, der Bleichplatz für die Wäsche und das von den Eltern so genannte "Privee", der ländliche Abort. Im Frühjahr und Herbst vom Vater geleert, wird er zur "Goldgrube" für den Garten.
Im diesem Areal der "Nützlichkeit" befand sich neben Aschenhaufen und Komposthaufen auch die unterirdische Gemüsegrube, in der Möhren, Kohl, Sellerie und anderes mehr im Winter frostfrei gelagert wird. Mit den Augen eines Kindes beschreibt sie auf den ersten Seiten des Buches diese Grube, Auge in Auge mit einer liebenswerten Kröte.

Den Gemüsegarten im Mittelgarten erwähnt Alma de l'Aigle kaum. Ausführlich geht sie aber auf den Obstgarten ein, der so angelegt ist, dass er bis in den Vordergarten reicht, sich aber hauptsächlich auf den großen hinteren Teil des Gartens erstreckt, von dem heute nur noch dieses kleine Stückchen vorhanden ist. Unter den Bäumen wächst auch heute noch Gras und wahrscheinlich wogt im Frühjahr hier ein gelbes Narzissenmeer. Alma de l' Aigle empfindet ein Gefühl von Ruhe und Weite und zugleich von Geborgenheit und Freiheit, wenn sie den Obstgarten betritt. Aus der Fülle der von ihr beschriebenen Obstsorten werde ich nur einen Teil der Pflaumen und Birnen wiedergeben.

Pflaumen:


Im vorderen Teil des Obstgartens stand die Anfang September reif werdende ‚Graf Althanns Reineclaude', die Alma de l`Aigle als Königin unter den Pflaumen bezeichnet.
Sie hat eine helle fleckige Haut, bei Vollreife ist sie blutrot mit feinen gelben Punkten. Die großen Früchte duften wunderbar und ihr Fruchtfleisch ist fest, goldgelb und sehr saftig. Die Sorte wurde in Böhmen auf dem Besitz des Grafen Althanns aus einem Kern der Großen Grünen Reneclaude gezogen. Weil sie so überaus gut schmecken, hat Almas Vater gleich zwei Bäume davon gepflanzt. Beim Schütteln über ausgebreitete Tücher wurde kräftig genascht: "Der likörartige Saft tropfte ja schon heraus aus dem lindfarbenen Fruchtfleisch, das fest und saftig zugleich war."

In besonderer Erinnerung ist der Autorin die knorrige Zwetschenallee aus ‚Italienischen Zwetschen', die um den Bleichplatz herum zum Mittelgarten führte. Beim Lesen folgender Stelle läuft mir das Wasser im Mund zusammen und ich kann die Pflaumenreifezeit kaum abwarten: "Suche dir eine aus, deren dunkle Haut möglichst schon an einer Stelle von Regen oder Sonne geplatzt, oder die am Stängel ein wenig angeschrumpelt ist! Brich sie auseinander! Der länglich zugespitzte Stein liegt locker zwischen den beiden Hälften. Die Saftkänäle des vollen gelben Fleisches sind verschlossen wie die Zellen einer Honigscheibe durch die Wachsdeckel. Nur aus der Bruchstelle tropft der Saft. Nun beiß hinein in das kräftig- elastische und doch zarte Fleisch! Der Saft strömt hervor, zuckersüß und aromatisch. Der köstliche Duft begleitet den Geschmack."
In guten Pflaumenjahren wurden im Eppendorfer Garten große Laken unter jeden Baum ausgebreitet und dann geschüttelt." So blieben die Früchte sauber. Aufgelesen wurden sie mit aller Vorsicht, mit trockenen, sauberen Fingern, damit der zarte Hauch keine Flecke bekam, denn die schönsten Früchte wurden nicht nur die Zierde unserer Obstschalen, sondern sie prangten auf den Obstkörben mancher Hamburger Festtafel."

Wenig druckempfindlich ist ‚Merolds Reneclaude', die im de l' Aigleschen Garten nach ‚Lucas Frühzwetsche' reif wurde. "Lustig war der Baum gesprenkelt mit vielen gelben Kugeln. Man schüttelt, und sie kollern herab. Das ist bessere Gewähr für die Reife als das Nachgeben der Stiele beim Pflücken. Man hebt sie auf und bricht sie in ihrer Naht auseinander: wie Kristall ist der Bruch des festen Fleisches. Nicht allzu saftig ist es, aber weich wie Seide schmiegt es sich an die Zunge und duftet leicht, kaum wahrnehmbar."

Die ‚Victoriapflaume', mit vollständigem Namen heißt sie ‚Königin Viktoria Pflaume', beurteilt Alma de l'Aigle anspruchsvoller, weil sie gepflückt werden muss. "Man darf sich nicht täuschen lassen durch die Farbe: auch die unreifen, noch nicht ausgewachsenen sind schon kräftig rot. Sie ist saftig, beim Schütteln wird sie leicht beschädigt. Ihre Süße ist nicht so zärtlich wie die der ‚Merolds'; in verregneten Sommern schmeckt sie sogar manchmal etwas kahl".

Ferner erwähnt sie die ‚Brietzer Eierpflaume', ähnlich gefärbt wie die ‚Königin Viktoria' als eine "rechte Trinkpflaume. Unser Vater teilte sie im Sommer gern an Gartenbesucher aus und freute sich über die Variationen ihres Lobes, wenn ihnen der Saft über die Finger lief und sie sich bücken mussten und den Kopf vorwärts strecken, um ihre Kleidung nicht zu betropfen".

Auch die sehr große, ‚Graf Althanns Reineclaude' ähnliche ‚Columbuspflaume' ist wenig bekannt: "Sie war wirklich enorm, kräftig violett, handfest; aber damit waren auch ihre Vorzüge erschöpft. Wer sich von ihr imponieren ließ, der hatte keinen Sinn für wahre Werte." In einem tschechischem pomologischen Werk von 1937 habe ich eine ‚Columbia Pflaume' entdeckt, die es sein könnte.

Regen tropft von den wenigen alten verbliebenen Bäumen an diesem tristen Sommertag. Von den Pflaumenbäumen ist nur ein kümmerliches Exemplar übrig geblieben.

Birnen


Schon früh hatten die Kinder ihren eigenen kleinen Garten zu dem auch jeweils ein Obstbaum gehörte. Ein Birnbaum, ‚Diels Butterbirne' gehörte Alma. Der Genuss der Birne wurde ein wenig gestört durch die vielen holzigen Körnchen in der Frucht, schreibt sie.Sie wusste aber die Birne als wohl duftendes Parfum im Wäscheschrank einzusetzen, wenn keine japanischen Quitten mehr vorhanden waren. "Ich legte sie zwischen Wäsche, und nicht lange so erhellte sich ihr stumpfes Grün. Bald wandelte es sich zum Gelb, und nun entquoll dem Versteck ein wunderbarer, süßer, quittenartiger Birnenduft, sobald man die Wäsche lüftete.

Eine der ersten Birnen, die im de l' Aigleschen Garten reif wurden war die ‚Erzbischof Honz', in der Fachliteratur als ‚Erzbischof Hons' beschrieben. Sie ist langkegelig geformt, gelblichgrün, an der Sonnenseite bräunlich gerötet und sehr saftig. Nach Ansicht von Alma de l'Aigle war sie eine "Schüttelbirne" da sie am Baum voll ausreifen muss, um ihren Geschmack auszuprägen. Sie wurde von ihrer Familie besonders für das Gericht "Türkische Erbsen (Bohnen) mit Speck und Birnen" geschätzt, vielleicht auch, weil sie zur gleichen Zeit wie die Bohnen erntereif ist. "Man biss geradezu in den Sommer hinein, zuckersüß, fast honigsüß war die Erzbischof", schwärmt sie in Erinnerung an Kindertage.

Nach dem ‚Erzbischof' kam die ‚Stuttgarter Geißhirtle' sowohl in der Reifezeit als auch im Geschmack. Im hohen Norden konnte diese Birne vermutlich nicht ihr volles Aroma ausprägen, da sie wie alle Birnen warme Lagen bevorzugt. Die Früchte haben "eine leichte frische Süße, auch krachen sie leise beim Hineinbeißen, selbst wenn sie schon reif sind." Wegen der sehr kurzen Haltbarkeit von nur ungefähr einer Woche wurde sie vermutlich besonders von Almas Mutter zum Einkochen geschätzt: "Dafür braucht man sie nicht zu schälen, man schneidet sie nur in Hälften, entfernt die Blüte und vielleicht auch den Stengel, lässt aber das Kernhaus unberührt. Dann kocht man sie mit wenig Essig und mäßig Zucker, kaum bedeckt mit Wasser, lange Zeit: ja, man wundert sich jedes Mal wieder, dass das lange Kochen den Geschmack nicht verdirbt. Die Birnen werden schließlich hellrot, die Schale ganz zart, wie kandiert, die Kerne von süßem Saft durchzogen, nussartig von Geschmack."

Von ganz anderer Gestalt als ‚Erzbischof' und ‚Stuttgarter Geißhirtle' ist die ‚Esperens Herrenbirne', eine kugelige Bergamottbirne, die weiter hinten im Obstgarten in Eppendorf stand. Die ‚Esperens Herrenbirne' ist eine grüne, sehr gute saftige Tafelbirne, die ganz schnell verzehrt werden muss. " Sie ist eine Birne zum Rohessen; für Backobst ist sie zu wässerig, zum Einmachen zu fade. Ihr ganzes feines, zartes Fleisch hat eine köstliche milde Süße und ein leichtes erfrischendes Aroma. Eigentlich ist sie so recht eine Damenbirne", beurteilt Madame de l'Aigle.

Ende August ist ‚Clapps Liebling' reif, im Buch als ‚Klapps Liebling' beschrieben. Die Birne ist zur Reifezeit schön anzusehen: kräftig gelb, an der Sonnenseite intensiv rot gestreift. Der Geschmack ist mild säuerlich, saftreich angenehm gewürzt. Alma findet: "sie ist eine Birne der Aufmachung mit ihrem prächtigen Äußern. Somit passte sie ja ganz gut in die damalige "Fassadenkultur" um die Jahrhundertwende."

Wahrscheinlich hat Alma de l' Aigle die ‚Frühe von Trevoux' gemeint, wenn sie von der "bescheidenen Madame Trevoux" schreibt. ‚Madame Treyve' auch ‚Souvenir de Madame Treyve' genannt, wird erst Mitte bis Ende September reif und kann nicht gemeint sein.
Die ‚Frühe von Trevoux' ist schon ab August reif, sehr saftig, erfrischend fein säuerlich süß. " Man kann sie früh pflücken und langsam reif werden lassen; man kann jeden Tag hingehen, und bei leisem Schütteln gibt sie gutwillig immer die nächstreifen herunter: man sitzt dann im Gras und verzehrt sie sofort. Und dann ihr Aroma! Es ist geradezu der Duft einer schönen Seele in Ihr enthalten.."

Eine weitere Birne, die bei der Mutter von Alma besonders beliebt war, ist die ‚Williams Christbirne' wegen der guten Einkocheigenschaften. Alma beschreibt sie auch als eine "Trinkbirne" mit einem wunderbaren Muskataroma. "Freilich ist Williams Christ anspruchsvoll bezüglich ihrer Pflückzeit; wenige Tage zu spät gepflückt, und sie verliert alle ihre guten Gaben; ihr feines frisches Aroma wird dann in der Reife streng und parfümiert, ihr Fleisch mehlig, und die Bräune des Innern setzt gleich bei der Reifung ein. Dann ist sie für den Haushalt verloren."

Eine ähnliche Birne ist die ‚Andenken an den Kongress von Saint Saveur'. Die Birne ist gelb, wie die Williams, aber ein wenig dunkler. "Es gibt gewaltige Stücke darunter, oben schlank und untern weit ausbauchend, muskulös wie ein Ringkämpfer muten sie an". Alma de l' Aigle weiß, dass diese Birne sehr anspruchsvoll ist und vom Vater bezüglich der Pflege viel Aufmerksamkeit erwartete.

Ein riesiger Baum in Eppendorf muss der ‚Minister Dr. Lucius' gewesen sein. "Sie, (die Frucht) ist von mächtiger Größe, wulstig am Stengel, dick und stattlich, wie ein wohlgenährter Herr im Überzieher. Sie ist saftig, feinfleischig, süß, zugleich zartsäuerlich, von leichtem, unaufdringlichem Aroma."

Aber die Krone des Obstgartens, im wahrsten Sinne des Wortes, "eine Kuppel, die auf der Erde ruht", war der riesige ‚Beurreegrise' Baum. Diese Birne ist in vielerlei Beziehung ungewöhnlich: Sie kann riesig und uralt (200 Jahre sind keine Seltenheit) werden, ihre Früchte sind grasgrün, klein und unscheinbar aber von wunderbarem Aroma. "Es gibt viele Menschen, die eine ‚Beurrée grise' fast jeder anderen Birne vorziehen, vielleicht, weil sie ihnen eine Kindheitserinnerung ist; denn die ‚Beurrée grise' war schon immer in jedem Obst und Gemüseladen vertreten. Sie ist sozusagen die populärste Birne."
Ihr französischer Name ist im Laufe der Jahre in Norddeutschland zur ‚Griesbirne', Grise (plattdeutsch für grau) Birne', ‚Beer de Grieß' oder ‚Gute Graue' geworden. Die Gute hat alle guten Eigenschaften, versichert Alma de l' Aigle: " Sie lässt sich transportieren bis in die Reifezeit hinein, sie lässt sich schaufeln wie Kartoffeln, lässt sich bergeweise in Schuten verfrachten, die dann vom "Alten Land" durch Elbe und Kanäle geschleust werden und beim Deichtormarkt - dem großen Hamburger Obst- und Gemüsemarkt, der die Einzelhändler versorgt, - liegen und ausgeladen werden." Der einzige Birnbaum, der heute noch im "Restgarten" steht, hat an diesem feuchten Julitag schon herbstlich gefärbte Blätter. Seinem Wuchs nach könnte es eine ‚Beurrée grise' sein.

Die bisher genannten Birnen sind frühe bzw. Septemberbirnen. Auch im Oktober gab es noch Birnen in Eppendorf zu ernten: Die ‚Gute Luise von Avranches' gehört dazu. Sie ist "eine Frau von Format, die ihre Würde in sich trägt. Sie ist wie eine Landedelfrau, die Wärme und Festigkeit, Hoheit und Milde vereinigt." Sie ist zu allem zu gebrauchen, meint Alma: als Tafelbirne, zum Kochen und Backen und zum Einkochen. Aber am allerbesten eignet sie sich zum Trocknen, in Hälften oder in Viertel zum richtigen Birnenkonfekt.

Als eine der letzten Birnen erwähnt sie die ‚Köstliche von Charneu' oder auch ‚Bürgermeisterbirne' genannt. "In ihrer ganzen Art hat sie auch so etwas bürgermeisterlich Wohlhabendes, etwas Sesshaftes und Reelles und dabei eine gewisse fade Süße der Konvention", schreibt Alma de l'Aigle. Die ‚Köstliche von Charneu' trägt regelmäßig grünlich-gelbe an der Sonnenseite streifenartig gerötete große Früchte, ist anspruchslos, lässt sich lagern, ist gut zu transportieren und zu verarbeiten. Um ihre Reifezeit lange hinauszuzögern hat die Familie de l'Aigle einiges ausprobiert: "Sie muss luftig aufbewahrt werden, ganz im Freien, ein Raum mit offenem Fenster genügt nicht, der Wind muss rund herum streichen. So setzten wir sie vom Bodenfenster aus aufs Verandadach, oder wir hingen die Körbe aus dem Fenster; auch im offenen Bienenschauer standen sie luftig genug und dabei doch frostgeschützt. Nur muss man sie überall vor anderen Liebhabern zudecken und schützen, nicht nur vor menschlichen Obstdieben".

Ferner standen im Obstgarten Birnbäume mit Namen ‚Jules de Liron d'Airolle', Bergamotte Poiteau' und die ‚Soldat laboureur', die auch ‚Blumenbachs Butterbirne' genannt wird.

Alma de lÀigle erinnert sich in ihrem Buch "Ein Garten" auch an die Apfelsorten des elterlichen Gartens. Als Weihnachtsapfel nennt sie jedoch nicht, wie viele andere Autoren den 'Purpurroten Cousinot' oder die 'Rote Sternrenette', sondern die 'Goldparmäne', ein wahrlich hervorragender Apfel von Aussehen und Geschmack. Sie schreibt, dass neben Goldparmäne Mandeln, Nüssen, Datteln, Feigen und Marzipankugeln immer auch 'Pastorenbirnen' auf dem de l'Aigleschen Weihnachtsteller lagen. Sie wurden genau zur Weihnachtszeit reif und dienten mit ihrem reichlichen Gerbsäureanteil als hochwillkommene Erfrischung zwischen den Süßigkeiten.


Im Eppendorfer Garten war die letzte des Jahres die ‚Baronsbirne', die erst im März bzw. April reif wird. "Meistens waren sie auch im März noch immer unreif, aber dann machte man kurzen Prozess mit ihnen, sie wurden gekocht und gaben ein frisches, wohlschmeckendes Kompott."

"Erst lange nach dem Tode des Vaters erkannten wir seinen Obstgartenplan", gesteht Alma de l' Aigle, "der früheste Baum des Jahres der Augustapfel, stand gleich vorn links, und so ging es weiter nach hinten ungefähr in der Reihenfolge der Reifezeit, bis als letzte rechts ganz hinter die Baronsbirne kam."


Das Buch ist nicht nur für Gartenkenner lesenswert. Es erfreut durch seine detailverliebte appetitliche Beschreibung. Es ist auch ein Stück Zeitgeschichte: gibt viel wieder von den Gefühlen, Werten und Einstellungen seiner Zeit und verführt hin und wieder zum Lächeln über komische Begebenheiten oder kindliche Sichtweisen.

Die in "" gekennzeichneten Textstellen geben Zitate aus dem Buch wieder.


Karin und Meinolf Hammerschmidt

last modified 21.07.2005